<![CDATA[Tennismentaltraining.ch - Blog: Inside WTA und ATP]]>Thu, 12 Sep 2019 02:13:32 +0200Weebly<![CDATA[US Open: Herren-Einzel]]>Tue, 10 Sep 2019 10:02:33 GMThttp://www.tennismentaltraining.ch/blog-inside-wta-und-atp/us-open-herren-einzelBei den Herren präsentierte sich die Ausgangslage vor dem Turnier weit weniger offen. Die "Grossen Drei" Djokovic, Nadal und Federer galten einmal mehr als die Turnierfavoriten, einige der jungen Garde kämpften dagegen zuletzt mit Problemen auf und nebem dem Tennisplatz. So ist Alexander Zverev seit Monaten ausser Form, befindet sich in einem Rechtsstreit mit seinem einstigen Manager und kündigte kürzlich die Zusammenarbeit mit seinem Startrainer, Ivan Lendl. Stefanos Tsitsipas befindet sich seit Wochen auf Formsuche und Nick Kyrgios sammelt weiter fleissig Punkte für die Eskapaden-Wertung. Einzig Daniil Medvedev traute man aus der Reihe der sogenannten "Next-Generation" einen Exploit zu.
Gleich in Runde 1 verabschiedeten sich von den Top 10-Spielern Dominic Thiem, Stefanos Tsitsipas und Roberte Bautista Agut. Novak Djokovic orientierte an der Pressekonferenz über Schulterprobleme, welche ihn seit einigen Wochen begleiten würden. Ab Runde 3 steht dann Daniil Medvedev im Fokus. Der ansonsten ruhig und besonnen auftretende Russe legt sich mit dem Publikum an, zeigt diesem gar den Mittelfinger und meint beim Siegerinterview höhnisch: 

"Danke euch allen. Eure Energie hat mir den Sieg gebracht." 

Im Achtelfinale gegen den Deutschen Dominik Koepfer ein ähnliches Bild. Zudem wirkt Medvedev stark angeschlagen und sagt dann auch nach gewonnener Partie, dass er nach verlorenem Startsatz ans Aufgeben gedacht hätte. Doch die Unterstützung durch das Publikum ;-) hätte ihm neue Kräfte verliehen. Aufgeben muss dafür ein ganz Grosser: Novak Djokovic wirft das Handtuch, nachdem er gegen Stan Wawrinka die ersten beiden Sätze abgeben muss. Zu gross das Handicap der lädierten Schulter. Für Wawrinka geht es dafür überraschend weiter - es wartet ausgerechnet Medvedev...

Schnell merkt man, dass bei Medvedev physisch etwas nicht in Ordnung ist. Er stellt sein Spiel um, spielt mit viel Risiko, jede Gelegenheit suchend, die Ballwechsel möglichst kurz zu halten. In diesen Phasen wird erst ersichtlich, wie komplett er als Spieler ist. Und tatsächlich: Trotz Beschwerden gewinnt er irgendwie Satz 1 im Tie-Break. Für Stan ein Spiel der verpassten Chancen und seinerseits wirkt er gehemmt. Als Wawrinka auf 1:2 in den Sätzen verkürzen kann, keimt nochmals Hoffnung bei ihm und dem Publikum auf. Doch in Satz 4 bewegt sich Medvedev plötzlich wieder deutlich besser und dominiert klar. Im Anschluss sagt er, dass er sich im allerersten Game eine (neue) Verletzung zugezogen hätte. Erst in Satz 4 hätten die Schmerzmittel dann zu wirken begonnen.

Eine faustdicke Überraschung ereignet sich dann im zweiten Viertelfinale mit Schweizer Beteiligung. Nachdem Roger Federer in den ersten beiden Partien noch mit Startschwierigkeiten zu kämpfen hatte, agierte er in Runde 3 und im Achtelfinale gegen David Goffin unwiederstehlich. Gegen Grigor Dimitrov, der bis anhin eine desaströse Saison 2019 spielte, war er haushoher Favorit. Federers 5-Satz-Niederlage kam wohl für alle völlig unerwartet.

In der anderen Tableauhälfte war es fast schon ein Schaulaufen für Rafael Nadal. Mit einem einzigen Satzverlust qualifizierte er sich souverän für das Finale, wo Medvedev wartete, der im Halbfinale gegen Dimitrov keine grösseren Probleme hatte und physisch wieder einen besseren Eindruck machte. Zudem hatte er sich unterdessen mit dem Publikum versöhnt, nachdem er eingeräumt hatte, dass sein Verhalten nicht ganz in Ordnung war und Besserung versprach.

Das Finale sollte schliesslich ein krönender Abschluss werden. Nachdem Nadal die ersten beiden Sätze (Satz 1 war eng, in Satz 2 ungefährdet) für sich entscheiden konnte, deutete alles auf einen klaren 3-Satz-Erfolg des Spaniers hin. Doch wie in den Runden zuvor zeigte Medvedev seine kämpferischen Qualitäten, variierte geschickt und kam immer besser ins Spiel. Erst nach einem epischen Kampf und fast fünfstündiger Spielzeit hatte es Nadal geschafft - sein 19. GS-Titel. Voller Respekt äusserte er sich gegenüber seinem Kontrahenten:

"Wie er gekämpft und den Rhythmus des Spiels verändert hat, war wahnsinnig."

Und um für die ausdauernden Leserinnen und Leser endlich aufzulösen, was es auf sich hat, dass Rafael Nadal bereits in jungen Jahren das Geheimnis des Visualisierens für sich entdeckte. In seiner Biographie "Rafa: Mein Weg an die Spitze" ist zu lesen:

"Meine Konzentration richtet sich ausschliesslich auf das bevorstehende Match, wie damals vor einem wichtigen Fussballspiel. Vor meinem geistigen Auge stellte ich mir das Spiel vor, die Tore und die Pässe, die ich schiessen würde."
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<![CDATA[US OPen 2019: Träume können wahr werden...]]>Mon, 09 Sep 2019 14:49:09 GMThttp://www.tennismentaltraining.ch/blog-inside-wta-und-atp/us-open-2019-traeume-koennen-wahr-werdenDie US Open in New York bilden jeweils den Abschluss der Grand-Slam-Turniere eines Kalenderjahres und gelten als das lauteste Tennis-Turnier der Welt. Welch ein Unterschied zur ruhigen, fast schon mystischen Atmosphäre in Wimbledon.
Damen-Einzel:
Wie zuletzt stets der Fall gibt es keine klare Turnierfavoritin. Mindestens 15 - 20 Spielerinnen können sich Chancen auf den Turniersieg ausrechnen. Derart gering sind zum einen die Leistungsunterschiede, zum andern gelingt es fast keiner Topspielerin konstant auf hohem Niveau zu spielen. Diese Tendenz wird auch während des Turniers bald ersichtlich. Simona Halep, triumphale Gewinnerin in Wimbledon, scheitert bereits in Runde 2 an einer amerikanischen Qualifikantin. Ashley Barty, siegreich bei den French Open, erwischt es im Achtelfinale. Ebenso die Vorjahressiegerin und Weltranglisten-Erste Naomi Osaka, welche gegen Belinda Bencic die Segel streichen muss. Belinda ihrerseits hatte im Vorfeld des Turniers mit Fussproblemen zu kämpfen. Doch nach harzigem Start kommt sie immer besser in Schwung und qualifiziert sich erstmals in ihrer Karriere für ein Halbfinale bei einem GS-Turnier. Im Halbfinale gegen Bianca Andreescu zeigt sie einen ganz starken ersten Satz bis zum 6:6. Bis zu diesem Spielstand mit Vorteilen schleichen sich dann im Tie-Break jedoch leichte Fehler ein. In Satz 2 führt sie dann mit Doppelbreak und 5:2, bevor die 19-jährige Kanadierin die Wende schafft. Der Traum vom Finale ist geplatzt, doch insgesamt ein starkes Turnier, das weiter Auftrieb geben sollte. 

Warum hat es nicht ganz gereicht? Die Kommentare unter www.srf.ch/sport/tennis/grand-slam-turniere/bitteres-out-im-halbfinal-bencics-traum-vom-final-brutal-geplatzt gehen fast durchwegs in eine Richtung: Wieder einmal sei Belinda an ihren Nerven gescheitert. Sie müsse dringend im mentalen Bereich arbeiten. 

Doch wer Belinda Bencic salopp als mental schwache Spielerin hinstellt, hat ein ausgeprägtes "Schwarz-Weiss-Denken". Insgesamt ist Belinda Bencic mental weit vorne anzusiedeln. Sie ist willensstark, furchtlos, mag die grosse Bühne. Sie ist jedoch auch temperamentvoll. Ihre Emotionen können manchmal hilfreich sein, manchmal jedoch auch leistungshemmend wirken, wenn sie Konzentration und Selbstvertrauen negativ tangieren. Selbstverständlich gibt es somit im mentalen Bereich Verbesserungspotential. Aber bei wem nicht?

Samstag, 7. September: Es kommt zum Finale zwischen der 37-jährigen 23-fachen GS-Siegerin Serena Williams und der 19-jährigen Senkrechtstarterin Bianca Andreescu. Von Beginn an agieren die Beiden mit einem horrenden Tempo. Andreescu ist völlig unbeeindruckt, wirkt selbstbewusst und fokussiert. Serena Williams spielt gut, doch hat von Anfang an grosse Probleme mit ihrem Aufschlag. Nachdem sie im ersten Game 40:15 vorne liegt, verliert sie es doch noch mit zwei Doppelfehlern. Was eine Stärke sein sollte, wird an diesem Tag zum grossen Handicap. Nach einem hochstehenden ersten Satz, den die vermeintliche Aussenseiterin mit 6:3 für sich entscheiden kann, passt bei Serena in Satz 2 lange Zeit nicht mehr viel zusammen. Sie wird zusehends unruhiger und hadert mit ihrem Aufschlag. Bei 1:5 scheint die Partie entschieden zu sein. Andreescu schlägt zum Matchgewinn auf und hat bei 40:30 einen Matchball. In diesem Game agiert Serena plötzlich viel ruhiger, nimmt etwas Tempo raus und spielt nun kontrollierter. Und siehe da, ihr gelingt ein erstes Break, plötzlich kommen auch auf der andern Seite einige leichte Fehler. Die Zuschauer wittern die grosse Wende und plötzlich steht es tatsächlich 5:5. Doch Bianca Andreescu lässt sich nicht mehr von ihrem Weg abbringen, bleibt auch in dieser Phase ruhig und verwandelt schliesslich ihren 3. Matchball.

Wer Bianca Andresscu in dieser Saison verfolgt hat, weiss: Sie bringt alles mit, um über Jahre eine dominierende Spielerin zu werden. Das Potential dazu ist vorhanden, doch warten viele Herausforderungen auf ganz unterschiedlichen Ebenen auf die junge Kanadierin mit rumänischen Wurzeln. Wird sie als "Gejagte" auch derart unbeschwert spielen können? Wird sie weiterhin derart fokussiert weiterarbeiten? Und wird sie einen Weg finden, um möglichst verletzungsfrei zu bleiben? Denn ihre Verletzungsgeschichte ist bereits beängstigend lang. Auch in diesem Jahr musste sie aufgrund von Schulterproblemen monatelang aussetzen.

Und Serena Williams? Es ist eigentlich unglaublich, dass sie mit 37 Jahren und ihrer Biographie noch absolute Weltklasse und immer noch das Mass aller Dinge ist, wenn sie körperlich fit ist und ihr spielerisches Potential auf den Platz bringt. Seit ihrer Rückkehr im Frühjahr 2018 stand sie 4-mal im Finale eines GS-Turniers. Doch die Finalbilanz lautet 0:4 und was besonders auffällt. Bei all diesen 4 Turnieren spielte Williams ein hervorragendes Halbfinale, um dann im Finale nicht mehr annähernd an diese Leistung anknüpfen zu können. Es ist mittlerweile offensichtlich, dass es sich dabei um ein mentales Problem handelt. Es scheint, als ob die ständigen Fragen nach dem 24. Titel belastend wirken und sie sich von der äusseren und eigenen Erwartungshaltung erdrücken lässt, In ihren eigenen Worten drückte sie sich wie folgt aus:

"Um ehrlich zu sein, war Serena heute einfach nicht anwesend. Ich muss einen Weg finden, dass sie in Grand-Slam-Endspielen wieder zum Vorschein kommt."
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<![CDATA[French Open Halbfinale Barty vs. Anisimova]]>Mon, 10 Jun 2019 10:14:05 GMThttp://www.tennismentaltraining.ch/blog-inside-wta-und-atp/french-open-halbfinale-barty-vs-anisimovaDas Damen-Halbfinale zwischen Ashleigh Barty und Amanda Anisimova ist ein Beispiel für einen äusserst turbulenten Spielverlauf und für fast schon unerklärliche Ups and Downs. Nach 1h und 53min steht der Finaleinzug von Barty nach einem 6:7, 6:3 und 6:3 Erfolg über die erst 17-jährige US-Amerikanerin fest. Doch was für ein Spielverlauf...
Nach gerade mal 15 Minuten führt Barty mit 5:0 und 40:15 und hat zwei Satzbälle. Sie besticht durch ihr variables Spiel, Anisimova auf der andern Seite wirkt gehemmt und zögerlich. Nichts erinnert bis zu diesem Zeitpunkt an ihre hervorragende Partie tags zuvor gegen die Vorjahressiegerin Simona Halep, als sie mit purer Entschlossenheit agierte. Irgendwie kann Anisimova die Satzbälle abwehren und das erste Game für sich verbuchen - fortan spielt sie wie ausgewechselt auf, währenddem Barty plötzlich von der Rolle ist. Nach 6 Spielerfolgen in Serie führt der Teenager plötzlich mit 6:5, bevor Barty ausgleichen kann. Im Tie-Break führt Barty zunächst mit 4:2, muss dann aber die nächsten 5 Punkte abgeben. Anisimova reckt die Faust nach dem Gewinn des Startsatzes und nimmt den Schwung gleich mit. In Satz 2 geht sie mit 3:0 in Führung, der Finaleinzug rückt näher und näher. Insgesamt gewinnt Anisimova 16! Punkte in Folge. Doch dann der nächste Umschwung. Barty verbucht nun ihrerseits 6 Games in Serie und dreht Satz 2. Der Entscheidungssatz ist dann weniger turbulent. Barty sichert sich den Einzug ins Finale mit einem 6:3, kann jedoch erst ihren 6. Matchball verwerten. 

Nach dem Spiel zeigte sich Barty erfreut und erleichtert zu gleich:
"Es war mental und physisch das härteste Match. Es war brutal da draussen (Anmerkung: die Partie wurde unter ziemlich widrigen, windigen und nasskalten Bedingungen ausgetragen). Ich spielte phasenweise richtig gutes Tennis, phasenweise ziemlich schlechtes Tennis. Ich bin stolz trotz allem weiter gekämpft zu haben und letztlich einen Weg gefunden zu haben, die Partie zu gewinnen, nachdem ich den ersten Satz weggeworfen hatte"
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<![CDATA[French Open 2019: Papierform vs. alles ist mÖglich]]>Mon, 10 Jun 2019 07:52:28 GMThttp://www.tennismentaltraining.ch/blog-inside-wta-und-atp/french-open-2019-papierform-vs-alles-ist-moeglichDie French Open 2019 gingen am Sonntag, 9. Juni, mi dem Finalsieg von Rafael Nadal zu Ende, der sich, wie im Vorjahr, im Endspiel gegen Dominic Thiem in vier Sätzen und letztlich sehr klar durchsetzte. Nadal bastelt somit weiter an seinem Legendenstatus und holte sich den Titel in Roland Garros bereits zum 12. Mal - eine einmalige Bilanz! Bei den Damen gab es dafür mit der 23-jährigen Ashleigh Barty eine neue Grand-Slam-Siegerin. Die Australierin glänzt mit ihrem variantenreichen Spiel, galt vor dem Turnier jedoch nicht als sehr gute Sandplatzspielerin.
Bild
Foto: Nadja Rietmann (vor Ort bei den French Open 2019)
Wenn wir die Konkurrenzen im Herren-Einzel und Damen-Einzel etwas näher miteinander vergleichen, ist etwas mehr als augenfällig. Während bei den Herren die Top 4 die Halbfinals geschlossen erreichten, verabschiedeten sich bei den Damen die topgesetzten Spielerinnen schon ziemlich früh. Im Halbfinale standen Ashleigh Barty (WTA 8), Johanna Konta (WTA 26), die 19-jährige Marketa Vondrousova (WTA 38) und die erst 17-jährige Amanda Anisimova (WTA 51). Die Britin Konta konnte bei ihren 6 bisherigen Teilnahmen in Paris keine einzige Partie gewinnen. Nun erreichte sie das Halbfinale und spielte im Viertelfinale gegen die Vorjahresfinalistin Sloane Stephens eine herausragende Partie. Belege dafür, dass im Damen-Tennis derzeit fast alles möglich ist, währenddem sich bei den Herren die Stars der Szene weiterhin nicht verdrängen lassen. Schon ziemlich lange wird auf der ATP-Tour von der "next generation" gesprochen, doch am Ende grüssen nach wie vor Rafael Nadal, Novak Djokovic oder Roger Federer mit der Siegestrophäe.

Nadal, Djokovic, Federer: Sie dominieren seit weit über einem Jahrzehnt und verfügen über herausragende spielerische und athletische Fähigkeiten. Doch insbesondere ist es die mentale Stabilität, welche der Schlüsselbereich für all diese Erfolge ist. Wie es einst Rafael Nadal ausdrückte:

"Die mentale Stärke macht alles andere erst möglich."

Mentale Stärke beinhaltet dabei sehr viele Elemente wie Selbstvertrauen, Konzentrationsfähigkeit, Motivation, mit Druck umgehen zu können, etc. Bei dieser Aufzählung gehen häufig Faktoren vergessen, welche ebenfalls zentral sind, um konstant auf einem hohen Niveau spielen zu können: Die Fähigkeit Lösungen zu finden, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, das Spiel den Gegebenheiten anzupassen und bis zuletzt an seine Chance zu glauben. Auch darin sind die drei Meister.

Wenn wir an dieser Stelle einen kurzen Abstecher zum Fussball machen. In der abgelaufenen Champions-League kam es im Halbfinale zur Begegnung zwischen Barcelona und Liverpool. Nach dem 0:3 im Hinspiel war die Ausgangslage vor dem Rückspiel für Liverpool fast hoffnungslos und erschwerend kam hinzu, dass mit Mo Salah und Roberto Firmino zwei Stürmer des gefürchteten Liverpool-Sturm-Dreizack verletzungsbedingt ausfielen. Doch mit einer eindrücklichen Mentalität gelang das "Wunder" an der Anfield-Road tatsächlich. Unter den Zuschauern auch Mo Salah, ein T-Shirt tragend mit der Aufschrift "Never give up"....

Zurück zum Tennis und zu den Damen. Bereits vor den French Open war der Tenor, dass das Turnier sehr offen sei und wohl 20 - 30 Spielerinnen für den Turniersieg in Frage kommen. Und ganz klar: Die Leistungsdichte hat bei den Damen in den letzten Jahren enorm zugenommen. Doch dies ist nur die halbe Wahrheit, warum es plötzlich so viele verschiedene Siegerinnen gibt, die Nummer 1-Position munter wechselt, eine Spielerin ein Turnier gewinnt und beim nächsten bereits wieder früh ausscheidet. Offensichtlich ist, dass auch die heutigen Topspielerinnen grosse Leistungsschwankungen zeigen. Von Turnier zu Turnier, von Runde zu Runde, manchmal aber auch innerhalb einer einzelnen Partie. (zum Matchbericht Damen-Halbfinale Ashleigh Barty vs. Amanda Anisimova). Und wie können grosse Leistungsschwankungen erklärt werden? Fast immer durch mentale Faktoren! Auch den Topspielerinnen mangelt es an mentaler Stabilität: Die oben angesprochenen Dinge (Anpassungsfähigkeit, Hindernisse zu überwinden, Lösungen zu finden, nicht aufzugeben) sind nicht so ausgeprägt entwickelt wie bspw. bei einem Rafael Nadal. Da gäbe es sehr viel Verbesserungspotential. Wenn bspw. Angelique Kerber (ehemalige Nummer 1 und Gewinnerin von drei Grand-Slam-Turnieren) ihre Standartantwort auf eine unerwartete Niederlage gibt: "Heute war einfach nicht mein Tag", tönt es resignierend und wenig lösungsorientiert.

Doch seit 2009 ist auf der WTA-Tour das "On-Court-Coaching" erlaubt. Einmal pro Satz kann eine Spielerin ihren Coach auf den Platz rufen. Eine Regelung also, welche die Selbständigkeit der Spielerinnen weiter schwächt. Anstatt selbst eine Lösung zu suchen, wenn es nicht so läuft wie gewünscht, wird die Verantwortung abgegeben. Häufig sind es dann Monologe, welche zu sehen sind und man gewinnt öfters den Eindruck, dass die Spielerinnen anschliessend einfach versuchen umzusetzen, was der Coach eingetrichtert hat, anstatt selbst zu spüren, welche Anpassungen auf mentaler oder taktischer Ebene zu treffen sind. Johanna Konta, welche seit Oktober 2018 von Dimitri Zavialoff gecoacht wird, der auch schon mit Stan Wawrinka und Timea Bacsinszky erfolgreich zusammengearbeitet hat, sagte etwas sehr Interessantes an der Pressekonferenz nach ihrem Viertelfinalsieg gegen Stephens:

"Er ist grossartig darin, mich zu meinem Spiel zu ermutigen. Er gibt mir den Freiraum, so zu spielen, wie ich es will."

Wenig überraschend, dass Zavialoff von "On-Court-Coaching" deshalb wenig hält...

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<![CDATA[Erfolgsfaktor Leidenschaft; ANdy Murray Kuendigt Baldiges Karrieren-Ende an]]>Fri, 01 Feb 2019 08:07:40 GMThttp://www.tennismentaltraining.ch/blog-inside-wta-und-atp/erfolgsfaktor-leidenschaft-andy-murray-kuendigt-baldiges-karrieren-ende-anNovak Djokovic heisst der strahlende Sieger bei den Australian Open 2019 nach einer magistralen Leistung und einem überraschend klaren Erfolg im Endspiel über Rafael Nadal - 6:3, 6:2, 6:3 nach nur zweistündiger Spielzeit hiess das klare Verdikt. Schon lange wird im Herren-Tennis über einen Generationenwechsel gesprochen. Die sog. "Generation X" steht bereit für die Ablöse. Doch wenn es dann um die Titel bei den Grand-Slam-Turnieren geht, stehen letzten Endes wieder die gewohnten Namen ganz oben...
Vor fast 16 Jahren, im Sommer 2003, begann die Grand-Slam-Erfolgsgeschichte von Roger Federer, als er in Wimbledon erstmals triumphieren konnte. Rafael Nadals erster Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier datiert aus dem Jahre 2005 mit dem Gewinn der French Open.  Novak Djokovic begann seine Sammlung an GS-Titeln im Januar 2008 mit dem Erfolg bei den Australian Open und schliesslich gesellte sich noch Andy Murray dazu, der zwar bei den GS-Turnieren nicht annähernd so erfolgreich war wie die genannten drei, doch immer wieder aufzeigte, dass er vom Niveau mithalten kann. Die "Grossen Vier" waren geboren und dominierten das Geschehen. Interessant dabei: Die vier spielen sehr unterschiedlich, haben ihren individuellen Spielstil, sind taktisch äusserst clever und haben sich allesamt auf mentaler Ebene enorm weiterentwickelt. Wenn wir den mentalen Bereich etwas näher betrachten, ist ein Element auffallend und die Basis für die lange und äusserst erfolgreiche Karriere, welche auch mit Rückschlägen verbunden war - Die Leidenschaft fürs Spiel!

Genau wie auch im Falle von Serena Williams, ist es imponierend, mit welchem Enthusiasmus, mit welchem Feuer und mit welchem Herz die "grossen Vier" über all die Jahre am Werke waren und immer noch sind, wenn man weiss, wieviel Aufwand und Entbehrungen damit verbunden sind - der Ausdruck "Leidenschaft" trifft es deshalb hervorragend! Es ist die Liebe zum Spiel, der Spass am Wettkampf und die Bereitschaft sich täglich nach wie vor weiterzuentwickeln.

Als Novak Djokovic vor drei Jahren die Australian Open gewann, sprach er anschliessend auf der Pressekonferenz die folgenden Worte aus, welche diese Mentalität perfekt umschreiben:

"Ich will immer besser werden: spielerisch, technisch, aber auch mental."

Doch bei aller Leidenschaft, irgendwann gehen Sportkarrieren zu Ende. Als Andy Murray 2017 in Wimbledon antrat, war bereits ab Runde 1 zu sehen, dass er läuferisch stark handicapiert war und unter grossen Schmerzen spielte. Er quälte sich durch das Turnier, bis es im Viertelfinale gegen Sam Querrey gar nicht mehr ging und er die Sätze 4 und 5 mit jeweils 1:6 abgeben musste. Dies ist die Kehrseite der Leidenschaft. So wichtig sie ist, um an die Spitze zu gelangen, sie kann auch daran hindern, auf die Signale des Körpers zu hören. Es folgte für Andy Murray eine längere Zwangspause, mit einer zunächst konservation Behandlung. Dann folgte eine Hüftoperation. Doch grosse Besserung trat auch danach nicht ein. Die Saison 2018 beendete er vorzeitig, mit dem Ziel bei den Australian Open 2019 wieder ganz fit an den Start gehen zu können. Doch unmittelbar vor dem Turnierbeginn orientierte Andy Murray über seine Situation und sorgte für einen Schock in der Tenniswelt. In der Presse war zu lesen:

"Andy Murray kündigt baldiges Karrierenende an"

Auf jener Pressekonferenz und in seiner 1. Runden-Partie gegen den Spanier Roberto Bautista Agut konnte man nochmals spüren und  sehen, mit wie viel Herz und Hingabe Andy Murray den Tennissport ausübte.
​Dass Andy Murray weit mehr war als ein hervorragender Tennisspieler ist, zeigten die Reaktionen seiner Berufskollegen und -kolleginnen auf seine Ankündigung eindrücklich. Auf dem Platz wahrlich nicht immer ein Vorbild in Sachen Benehmen, galt er ausserhalb des Platzes als humvorvoll, als Spieler, der über den eigenen Tellerrand hinausblickt und sich für andere engagiert. 

​Alles Gute für die Zukunft, Andy Murray! 
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<![CDATA[ATP Finals in London: Einstellungssache]]>Tue, 20 Nov 2018 09:03:39 GMThttp://www.tennismentaltraining.ch/blog-inside-wta-und-atp/atp-finals-in-london-einstellungssacheTraditionell treffen sich am Saisonende die 8 besten Spieler der Saison, um den inoffiziellen Weltmeister zu ermitteln. In diesem Jahr mussten leider Rafael Nadal und Juan Martin del Potro absagen, sodass die Nummern 9 und 10 der Jahreswertung nachrückten. Die Auslosung ergab die folgenden beiden Gruppen:
Gruppe Kuerten: Novak Djokovic, Alexander Zverev, Marin Cilic, John Isner
Gruppe Hewitt: Roger Federer, Kevin Anderson, Dominic Thiem, Kei Nishikori

Roger Federer begann sein Turnier gegen Kei Nishikori und schon bald wunderten sich die Zuschauer. Beide Spieler hatten enorme Probleme mit dem Timing, Fehler über Fehler und dabei waren beide in sehr guter Form nach London gereist. Letztlich gewann Nishikori die Partie mit 7:6 und 6:3, da er sich im Verlaufe der Partie leicht steigern konnte, während bei Federer nicht viel zusammenpasste. Was ist nur mit Federer los? Die Spekulationen wurden umso grösser, als Federer am nächsten Tag sein Training kurzfristig absagte. 

Gespannt erwartete man seinen zweiten Auftritt gegen Dominik Thiem, der ebenfalls seine Auftaktpartie verloren hatte. Schon bald konnte man festhalten: Federer spielte wesentlich besser, er wirkte fokussierter, ruhiger. So kam er zu einem klaren 2-Satz-Erfolg. Beim Platzinterview wurde er auf diese Veränderung angesprochen und gab offen zu:

In erster Linie sei es eine Sache der Einstellung gewesen. In der ersten Partie habe er sich genervt über seine Fehler und nur das Negative gesehen. In der Vorbereitung auf die zweite Partie habe er sich vor Augen führen müssen, dass es eigentlich ein Traum sei hier in London beim Saisonfinale zu spielen, vor einer Kulisse, welche ihn derart unterstützt. So sei er mit einer ganz anderen Einstellung ("attitude") in die zweite Partie gegangen.

Federer war im Turnier angekommen und nach einem überzeugenden 2-Satz-Sieg gegen den bereits für das Halbfinale qualifizierten Kevin Anderson stand er letztlich gar als Gruppensieger fest.

In der Gruppe Kuerten zeigte Novak Djokovic, dass er der überragende Spieler der 2. Saisonhälfte ist. Ohne Satzverlust dominierte er das Geschehen fast schon nach Belieben und war der grosse Favorit auf den Turniersieg. Würde es zum Traumfinale zwischen ihm und Federer kommen?

Nein - Alexander Zverev, der schon länger als zukünftige Nummer 1 gehandelt wird, legte sein Veto ein. Zverev hat schon vielfach sein immenses Potential angedeutet, doch bei Grand-Slam-Turnieren war seine Ausbeute bisher weit unter seinen Möglichkeiten. Zverev ist auf dem Platz ein Heisssporn, der öfters seine Emotionen nicht im Griff hat und an sich selbst scheitert. Mit Ivan Lendl hat er jedoch vor einigen Monaten einen neuen Trainer an seine Seite geholt, der Ruhe und Coolness fast schon im Übermass ausstrahlt. Lendl hat bei Andy Murray im mentalen Bereich viel bewirken können und es macht allen Anschein, dass ihm dies auch bei Zverev in sehr kurzer Zeit gelungen ist. In einer engen Partie setzte sich der 21-jähirge Deutsche mit 7:5 und 7:6 gegen Federer durch und qualifizierte sich fürs Finale. Novak Djokovic erledigte seine Halbfinalaufgabe mit Bravour und Dominanz - Kevin Anderson komplett chancenlos.

Und so kam es am Sonntag, 18. November zum Finale zwischen Novak Djokovic und Alexander Zverev. In der Gruppenphase kam es bereits zu dieser Begegnung. Bis zum 4:4 war es eine ausgeglichene Partie, dann wurde es zum Monolog: 6:4, 6:1 für Djokovic. Im Finale erneut bis zum 4:4 völlig ausgeglichen, doch dann nahm die Partie einen überraschenden Verlauf und diametral entgegengesetzt zum Gruppenspiel. Zverev steigerte sich nochmals und spielte herausragend, während sich bei Djokovic immer mehr Fehler einschlichen und er plötzlich auch taktische Fehler beging. 

So kann es gehen: Einige Tage später kann die Tennis-Welt bereits ganz anders aussehen. Es entscheiden häufig Kleinigkeiten, welche jedoch grosse Wirkungen nach sich ziehen: eine positivere Einstellung, ein anderer "Game-Plan", etc.
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<![CDATA[US Open 2018: Ein hitziges Turnier...]]>Sun, 23 Sep 2018 22:00:00 GMThttp://www.tennismentaltraining.ch/blog-inside-wta-und-atp/us-open-2018-ein-hitziges-turnierDie US Open Ausgabe 2018 sorgten für viel Gesprächsstoff und für einmal waren auch die Schiedsrichter im Mittelpunkt des Geschehens. Es war ein Turnier, das bei enormer Hitze und sehr hoher Luftfeutigkeit ausgetragen wurde und den Spielerinnen und Spielern schon dadurch sehr viel abverlangte. Von "unmenschlichen" Bedingungen war gar die Rede, doch Ironie des Schicksals ist, dass der Mensch durch Umweltzerstörung und masslosen Konsum dieses Klima mitverursacht. Die Klimaveränderung ist schon längst auch im Profi-Sport angekommen und ein Thema, das ernst genommen werden sollte.

Bei den Damen verabschiedeten sich die Topgesetzten gleich reihenweise, bei den Herren scheiterte Roger Federer völlig überraschend im Achtelfinale gegen den Australier John Millman. Nach der Partie klagte ein völlig ausgelaugter Federer: "Ich hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen." und weiter: "Wenn Du so mit der Hitze am kämpfen bist, dann ist alles schwierig. Du hast eine Müdigkeit im Körper und kannst nicht so explosiv spielen, wie ich das eigentlich gerne will."
Nicht nur Federer scheiterte an den Bedingungen. Für Irritationen sorgten für einmal aber auch die Schiedsrichter mit fragwürdigen Entscheidungen und Aktionen.

Alizé Cornet: Verwarnung wegen T-Shirt-Wechsel
Alizé Cornet scheitert bereits in ihrer Startrunde an der Schwedin Johanna Larsson. Für Aufregung sorgt dabei eine Szene. Nach dem zweiten Satz gibt es aufgrund der grossen Hitze eine 10-minütige Pause. Die beiden Spielerinnen verlassen den Platz, um u.a. auch ein neues Dress anzuziehen. Doch als der 3. Satz beginnt, bemerkt die Französin, dass sie ihr T-Shirt falsch angezogen hat. Kurzerhand wendet sie ihr Shirt und steht für kurze Zeit in ihrem Sport-BH da. Konsequenz: Alizé Cornet wird dafür verwarnt! Wie bitte? Während die Herren beim Seitenwechsel öfters ihre Shirts wechseln und längere Zeit mit freiem Oberkörper zu sehen sind, soll die Aktion von Alizé Cornet ein Regelverstoss sein? Dementsprechend fallen auch die Reaktionen aus. Von mehreren Seiten hagelt es Sexismus-Vorwürfe.

Am Tag darauf bedauert der amerikanische Verband die Verwarnung und sichert zu, dass dies in der Zukunft nicht mehr geschehen wird. 

Mentaler Standpunkt: Alizé Cornet verlor zwar nach diesem Zwischenfall den dritten Satz mit 2:6, betonte jedoch an der Pressekonferenz, dass der Vorfall ihre Leistung nicht negativ beeinträchtigt hätte. Nach wenigen Sekunden hätte sie diesen bereits abgehakt gehabt.


Nick Kyrgios: Der Schiedsrichter - Dein Freund und Helfer?
Nick Kyrgios ist das "enfant terrible" der ATP-Tour und wurde aufgrund seiner Eskapaden auch schon gesperrt. Auf dem Platz wirkt der 23-jährige, hochtalentierte Australier häufig völlig lustlos. So auch in seiner 2. Runde gegen den Franzosen Hugues Herbert. Kyrgios liegt mit 4:6 und 0:3 zurück, als beim Seitenwechsel Merkwürdiges passiert. Schiedsrichter Mohamed Lahyani steigt von seinem Stuhl hinab, geht zu Kyrgios und redet auf diesen ein. Bis heute ist nicht ganz klar, was Lahyani gesagt hat, doch Tatsache ist, dass die Partie nach dieser Aktion eine ganz andere Richtung annimmt. Plötzlich ist Kyrgios ein anderer Spieler, mit mehr Energie und Einsatz am Werk. Er wendet die Partie und gewinnt letztlich in vier Sätzen mit 4:6, 7:6, 6:3 und 6:0. Die grosse Frage ist nun: Hat Lahyani eine Grenze überschritten und fast schon als (Mental-)Coach gewirkt, anstatt als unparteiischer, neutraler Schiedsrichter? Während Kyrgios als Hauptinvolvierter den Vorwurf des Coachings als "lächerlich" bezeichnete, war bspw. Roger Federer, angesprochen auf diesen Vorfall, ganz anderer Ansicht: "Als Schiedsrichter steigt man nicht vom Stuhl und spricht so mit einem Spieler", um dann jedoch etwas zu relativieren: "Ich weiss zwar nicht genau, was er ihm gesagt hat. Aber es war ganz offensichtlich mehr als ein Nachfragen nach dem Zustand".

Inzwischen wurde Lahyani tatsächlich sanktioniert und für zwei Turniere gesperrt.

Mentaler Standpunkt: Auch wenn die genauen Worte nicht bekannt sind, zeigt der Vorfall eindrücklich, was einige wenige Worte von aussen, bewirken und auslösen können. 

​Eklat beim Damen-Finale zwischen Naomi Osaka und Serena Williams
Bei den Damen kommt es im Finale zum Generationen-Duell zwischen der 20-jährigen Naomi Osaka und der 37-jährigen Serena Williams, welche vor ziemlich genau einem Jahr Mutter geworden ist und nach Wimbledon bereits wieder in einem Grand-Slam-Finale steht. Was die Affiche zusätzlich reizvoll macht: Osaka wird seit einigen Monaten von Sascha Bajin trainiert, der jahrelang Sparring-Partner von Serena Williams war. Zudem betonte Osaka immer wieder, dass Serena ihr grosses Vorbild sei und sie davon geträumt hätte, einmal in einem GS-Finale gegen sie antreten zu dürfen. Am 8. September wurde der Traum Wirklichkeit...

Einmal auf dem Platz war bei Naomi Osaka nichts mehr zu spüren von Nervosität. Von Beginn weg spielte sie auf sehr hohem Niveau und mit grosser Entschlossenheit, währenddem Serena Williams insbesondere bei ihrem Aufschlag Mühe bekundete. Satz 1 ging mit 6:2 an die in Long Island aufgewachsene Japanerin. Bis dahin eine ganz normale Tennispartie, doch dann sollten sich die Dinge drastisch ändern...

Anfang des zweiten Satzes erhält Serena Williams eine Verwarnung wegen unerlaubtem Coaching. Mit deutlichen Worten wendet sie sich an den Schiedsrichter Albert Ramos und beteuert von Coaching nichts mitbekommen zu haben. Als Serena 3:1 führt, jedoch den Breakvorsprung nach einem ganz schwachen Aufschlagsspiel gleich wieder abgibt, zerstört sie frustriert ihr Racket - die Quittung: die zweite Verwarnung Erst als sie wieder auf den Platz geht, realisiert sie, dass dies gleichbedeutend mit einer Punktstrafe ist. Wiederum hitzige Diskussionen. Beim nächsten Seitenwechsel eskaliert die Partie nun endgültig. Serena Williams ist ausser sich und bezeichnet Ramos u.a. als "Dieb" - die Konsequenz, eine dritte Verwarnung, gleichbedeutend mit Spielgewinn Osaka. Anstatt 3:4, steht es nun aus Sicht von Serena Williams 3:5. Die Zuschauer toben, der Supervisor kommt auf den Platz, doch die Entscheidung steht. Wenig später verwandelt Naomi Osaka, welche trotz all den Vorkommnissen erstaunlich ruhig geblieben ist, ihren zweiten Matchball mit einem krachenden Aufschlag. Es folgt eine herzliche Umarmung und eine denkwürdige Siegerehrung...

Doch was ist da eigentlich genau passiert? Vom Regelwerk her hat Albert Ramos vollkommen richtig entschieden. Serena Williams hat ganz klar überreagiert und die Contenance komplett verloren. Alle drei Verwarnungen waren regelkonform und trotzdem ist die Sache damit noch lange nicht vom Tisch. Coaching ist zwar nicht erlaubt, doch wer Profi-Tennis verfolgt weiss, dass dies gang und gäbe ist. Nur sehr selten wird Coaching geahndet und eine Verwarnung ausgesprochen. Serena Williams ihrerseits ist eine Spielerin, welche sehr selbständig auftritt. Sie hat fast nie Augenkontakt zu ihrer Box und bei WTA-Turnieren, wo die Spielerinnen einmal pro Satz ihren Coach auf den Platz rufen können, nimmt Serena Williams dieses Recht nie in Anspruch. Sie weiss durch ihre riesige Erfahrung selbst, welche Veränderungen sie vornehmen muss. Und ausgerechnet Serena Williams erhält nun ohne vorhergehende Ermahnung eine Verwarnung wegen unerlaubtem Coaching. Das ist dann schon sehr merkwürdig und darf es sein, dass die Regelanwendung derart unterschiedlich und willkürlich erfolgt? Aus diesem Blickwinkel wird verständlich, dass sich Serena Williams wie in einem falschen Film fühlte. Die Frage bleibt im Raum: Warum hat Albert Ramos plötzlich einen derart strengen Massstab angewendet?

Novak Djokovic, der am nächsten Abend seinen 14. GS-Titel holte, meinte dazu (Originalton):
"But I have my personal opinion that maybe the chair umpire should not have pushed Serena to the limit, especially in a Grand Slam final. Just maybe changed -- not maybe, but he did change the course of the match. Was, in my opinion, maybe unnecessary. We all go through our emotions, especially when you're fighting for a Grand Slam trophy."

Mentaler Standpunkt: Auch wenn die Verärgerung von Serena Williams nachvollziehbar ist - insbesondere mit ihrer enormen Erfahrung hätte sie einen Weg finden müssen, um ihre Emotionen in den Griff zu bekommen. Anstatt sich weiter hineinzusteigern, hätte sie eine "jetzt erst recht-Mentalität" an den Tag legen können, um mit zusätzlicher Entschlossenheit möglicherweise die Wende noch zu schaffen. 
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<![CDATA[Interwiew mit amra sadikovic]]>Sun, 01 Jul 2018 22:00:00 GMThttp://www.tennismentaltraining.ch/blog-inside-wta-und-atp/interwiew-mit-amra-sadikovicBild
​Die im aargauischen Birr wohnhafte, kürzlich 29 Jahre jung gewordene Amra Sadikovic wurde in Prilep, Mazedonien geboren und spielt seit 2007 für die Schweiz. 2009 kam sie erstmals im Fed-Cup zum Einsatz. 2014 gab sie ihren Rücktritt vom Profisport bekannt, doch gut ein Jahr später wagte sie ein Comeback. 2016 qualifizierte sie sich in Wimbledon erstmals für das Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers – die Belohnung: 1. Runde auf dem Center-Court und dies ausgerechnet gegen Serena Williams! 
Mit Position 126 in der Weltrangliste erreichte sie im Juli 2016 ihr bisher bestes Einzel-Ranking. Ende Mai 2018 auf Position 380 geführt, möchte sie wieder in jene Regionen vorstossen. 

Tennismentaltraining.ch (TMT): In welchem Alter hast Du mit Tennis begonnen und welche Gründe gab es, weshalb die Wahl ausgerechnet auf Tennis fiel? 

Amra Sadikovic (AS): Ich habe mit neun Jahren mit dem Tennis begonnen. Ich habe ein Match von Andre Agassi und Pete Sampras geschaut und das hat mich fasziniert, Ich wollte das unbedingt mal ausprobieren. Das tat ich auch und so nahm alles seinen Lauf ... 
TMT: Wann hast Du Dich entschieden Tennis professionell auszuüben? War es ein Prozess aufgrund der sportlichen Erfolge oder hattest Du diesen Traum bereits sehr früh? 

AS: Wenn ich jetzt zurückdenke, dann wusste ich schon sehr früh, dass ich das Hobby zum Beruf machen möchte. Wenn Schulfreunde sich in der Freizeit mit Kollegen trafen, war ich praktisch immer auf der Tennisanlage. Ich suchte mir jemanden zum Spielen oder spielte gegen die Wand. Tennis war schon sehr früh mein Leben und blieb es bis heute! Mit 16 Jahren schloss ich die Bezirksschule in Windisch (AG) ab und dann mussten wir entscheiden, wie es weiter geht. Für mich war zu 100% klar:  Ich will Tennis spielen und wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich auch "nur" Tennis gespielt. Meine Eltern jedoch bestanden darauf, dass ich vorsichtshalber eine Lehre mache und danach dürfte ich voll aufs Tennis setzten. So absolvierte ich zuerst die 4-jährige Lehre als Berufssportlerin in Zürich (16-20 Jahre) und widmete mich dann komplett dem Tennis. 

TMT: Wie hat Dein Umfeld auf Deinen Wunsch bzw. Deine Entscheidung Profi zu werden reagiert? 
 
AS: Ich denke mein Wunsch Profi zu werden hat niemanden überrascht. Ich habe eine super Familie, die immer zu 100% hinter mir stand. Noch dazu muss ich wirklich sagen, dass mein langjähriger Förderer und Trainer Freddy Siegenthaler sehr, sehr viel dazu beigetragen hat, dass ich diesen Weg eingeschlagen habe. Er hat mir das Tennis beigebracht, mir den Spass vermittelt und mich auf extrem positive Weise (auch wenn das in diesem Alter gar nicht so einfach war mit mir ;-)) gepusht. Dafür bin ich ihm bis heute noch sehr dankbar! 

TMT:  Wie sieht ein typischer Trainingstag bei Dir aus? 
  
AS: Ich trainiere 4-5h täglich. Davon 2x Tennis und 1x Kondi. Je nach Trainingsphase (Aufbau) kann dies auch genau umgekehrt sein, so dass das Konditraining im Vordergrund steht. Zusätzlich kommt das Ein- und Auslaufen dazu. 
Bild

TMT: Tennis gilt als eine mental äusserst anspruchsvolle Sportart. Was ist für Dich persönlich die grösste mentale Herausforderung im Tennis? 

AS: Das ist definitv so! Ich wage sogar zu behaupten, dass der Kopf im Wettkampf zu 80% entscheidend ist. Klar, ich gehe davon aus, dass das Fitnesslevel stimmt. Denn das ist die Voraussetzung, um überhaupt mal oben mitspielen/mithalten zu können. Aber alles andere spielt sich im Kopf ab. 

TMT: Welche Bedeutung kommt dem mentalen Bereich zu, wenn Du ihn mit dem technisch/koordinativen, dem physischen und dem taktischen Bereich vergleichst? 


Bild: Eine ihrer grossen Stärken: Amra beim Aufschlag

AS: Ich persönlich finde, dass diese 3 Bereiche einen Dominoeffekt ergeben. Ich versuche es mal zu erklären: Der Ablauf für mich ist ganz klar: 1. Technik, 2. Physis und 3. Taktik.
Schon sehr früh wurde bei mir auf die Technik und Koordination viel Wert gelegt (wie bereits erwähnt, hatte ich das Glück mit Freddy arbeiten zu dürfen, denn wenn einer dies im Griff hatte, dann er). Denn spielst Du technisch sauber und bewegst Dich ökonomisch, brauchst Du weniger Kraft (hier kommen wir zur Physis) und dies kann in einem hartumkämpften Match entscheidend sein. Nach der Technik wurde bei mir sehr viel im Kondibereich gearbeitet. Denn eine gute Physis ist die Voraussetzung für ein klares Denken (Taktik) im Spiel. Bist Du nicht fit, hast Du absolut keine Chance Dich mit der Taktik vor allem im Match auseinander zu setzen. Der Fokus ist dann bei Dir selbst und Deiner "Müdigkeit". Bist Du physisch ready, bringt man Dich weniger schnell aus der Ruhe. Du bist fähig einen kühlen Kopf zu bewahren und richtig zu entscheiden/handeln.
So richtig fit fühlte ich mich erst nach meinem Comeback und ich selbst durfte/konnte an mir erleben, wie extrem positiv sich dies auf meinen Geist und mein Selbstvertrauen ausgewirkt hat! Kurz: Egal welche Komponenten man betrachtet: Alle sind miteinander verbunden und überall, so finde ich, spielt der Kopf eine grosse Rolle. 

  
TMT: Du arbeitest mit einem Mental-Coach zusammen. Seit wann gibt es diese Zusammenarbeit? Wie war es während Deiner Jugendzeit? Wurden da mentale Themen und Trainingsformen bereits angesprochen und integriert oder kam dies erst später hinzu? 

AS: Ich muss sagen, dass Freddy schon sehr früh versucht hat, auch im mentalen Bereich mit uns Junioren zu arbeiten. Also viele Begriffe und Techniken durfte ich schon im frühen Alter kennenlernen. Jedoch muss ich ehrlich sagen: Richtig zu verstehen begonnen habe ich vieles erst später. Genauer genommen ERST bei meinem Comeback mit 26 Jahren! Dort habe ich auch die Zusammenarbeit mit meinem Mentor Ernst Maurer begonnen und wir arbeiten auch heute noch zusammen. Ich bin froh diesen Menschen kennengelernt zu haben und manchmal wünschte ich mir sogar, ihn schon viel früher getroffen zu haben. Er hat mir extrem geholfen, mich zu öffnen und mein Leben ganz anders zu betrachten. Ich bin ihm sehr dankbar! 

TMT: Gibt es in mentaler Hinsicht auf der Profi-Tour so etwas wie ein Vorbild für Dich? Jemand, der Dich inspiriert? 

AS: Ganz klar Roger Federer. Auf wie neben dem Platz! 
 
TMT: Als Du 2015 auf die Tour zurückgekehrt bist: Hat sich die Herangehensweise bei Dir irgendwie verändert gegenüber Deiner „ersten Karriere“? 

AS: Ganz klar und ich bin davon überzeugt, dass dies der Grund war, weshalb ich so schnell Erfolg hatte. Das Tennisspielen oder die Fitness war bei mir nie das "Problem". Ohne extrem ins Detail gehen zu wollen: Ich habe gelernt, dass es mein Tennisleben und mein Privatleben gibt und dass meine Leistungen nicht entscheidend sind, ob ich ein "guter" oder "schlechter Mensch" bin! In meiner ersten Karriere war dies genau umgekehrt. Ich machte mir einen extremen Druck. Hatte zu hohe Erwartungen, in meinem Kopf drehte es sich nur um Zahlen und Rankings - der Fokus war total falsch! Dies änderte sich bei meinem Comeback gewaltig! Mir gelang es durch die Hilfe von Ernst mich wirklich auf die Dinge zu konzentrieren, die ich beeinflussen kann. Auch setzte ich viel mehr auf Qualität statt Quantität. Auf und neben dem Platz!  

TMT: Was waren Deine Gedanken als Du nach überstandener Quali erfahren hast, dass Du in Runde 1 auf dem legendären Center-Court gegen Serena Williams spielen wirst? 

AS: Ich hatte gemischte Gefühle. Als allererstes dachte ich: MEIN TRAUM WIRD WAHR! Ich habe mich IMMER gefragt wie toll es wäre, auf dem heiligen Rasen auf dem Center Court zu stehen (ich habe soeben wieder Gänsehaut!). Und plötzlich ist der Moment da... Ich freute mich extrem und ich stellte mir sogar vor, wie sich das Ganze abspielen würde. Ich war sehr motiviert und voller Vorfreude - bis am Abend vor dem Spiel. Ich konnte nicht einschlafen, lag wach im Bett und eine Angst packte mich. Packe ich das? Was, wenn ich nicht abliefere und die "ganze Welt" schaut zu? So war es eine Berg- und Talfahrt der Emotionen. Ich führte verschiedenste Gespräche mit Ernst. Schlussendlich war ich nervös, die Angst jedoch konnte ich komplett ablegen! 

TMT: Wie hast Du die Minuten vor dem Einmarsch in Erinnerung und den Beginn der Partie? War die ganze Umgebung und die prominente Gegnerin für Dich eher beflügelnd oder lähmend? 

AS: Als ich da den Gang runter lief, verschwand ich in meiner Welt. Es ist wirklich krass und schwer zu beschreiben. Es war ruhig, ich stand da und wartete bis mein Name aufgerufen wurde. Dann viel mein Name. Ich lief auf den Platz und sah die Menschenmenge. Viele standen auf und klatschten, aber: Ich habe irgendwie gar nichts gehört, es fühlte sich an als wäre ich in einem Tunnel. Ich war mega nervös und meine Knie waren weich! Zudem machte es Serena mir auch nicht einfacher ;-). Sie hat mich vor dem Einlaufen auf dem Platz nicht einmal angeschaut, einfach nichts! Ich war wie in Trance! Genau das ist das richtige Wort .. unbeschreiblich, aber soooooo mega schön! 

TMT: In seiner Biographie „Rafa: Mein Weg an die Spitze“ schildert Rafael Nadal sehr eindrücklich, wie er sich jeweils auf eine Partie vorbereitet und einstimmt. Wie sieht das bei Dir aus? Hast Du auch einen bestimmten Ablauf im Sinne einer mentalen Wettkampfvorbereitung? Falls ja, welche Hauptziele möchtest Du dadurch erreichen?
 
AS: Ich habe ganz klar auch meine Rituale vor dem Match und diese ziehe ich auch durch. Ich bin grundsätzlich ein aufgestellter, lustiger Mensch, sehr kommunikativ und dadurch verschwende ich auch viel Energie ;-).  Ich versuche da vor der Partie wirklich in mich zu kehren und meide den Kontakt zu anderen. 

TMT: Hast Du für das laufende und das nächste Jahr bestimmte Tennis-Ziele fixiert? 

AS: Ich möchte ganz klar wieder die Main Draws der Grandslams spielen können! 

TMT: Häufig hört man, dass Leistungssport eine hervorragende Lebensschule sei. Würdest Du dem zustimmen? Falls ja, welches sind die wichtigsten Dinge, welche Du für Dein Leben ausserhalb des Tennisplatzes lernen konntest? 
 
AS: Das ist so! Für mich sticht ganz klar heraus: Umfallen ist und wird immer ein Teil des Lebens sein. Rückschläge gibt es immer, ABER: Glaube an das, was DU willst und wovon DU überzeugt bist und stehe einfach immer EINMAL mehr auf.  Denn du weisst nie, was das einmal mehr Aufstehen für positive Folgen haben kann!!!   
 
Ganz herzlichen Dank, Amra, dass Du Dir für dieses Interview Zeit genommen hast, für die spannenden Einblicke und viel Spass und Erfolg auf dem Weg zur Erreichung Deiner Ziele! 
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<![CDATA[Stan wawrinka: Comeback nach knieverletzung]]>Tue, 15 May 2018 06:12:51 GMThttp://www.tennismentaltraining.ch/blog-inside-wta-und-atp/stan-wawrinka-comeback-nach-knieverletzungJuni 2017: Stan Wawrinka zeigt sich bei den French Open in grossartiger Form, gewinnt ein spektakuläres Halbfinale in fünf Sätzen gegen Andy Murray und wird erst im Finale von Sandplatzkönig Rafael Nadal gestoppt. Wawrinka ist zu diesem Zeitpunkt die Nummer 3 in der Weltrangliste. Doch einen Monat später wird er jäh gebremst. In Wimbledon verliert er seine Auftaktpartie und es ist deutlich zu sehen, dass Wawrinka körperliche Probleme hat und in seiner Agilität stark eingeschränkt ist. Mehrmals muss er sich während der Partie am Knie behandeln lassen. Im August erfährt man dann in der Presse, dass sich Wawrinka einer Knie-OP unterziehen musste, gleichbedeutend mit dem Aus für die restliche Saison. Und es wird seltsam still um seine Person, kein Statement von seiner Seite...
Im November dann die Meldung, dass Coach Magnus Norman die über vier Jahre äusserst erfolgreiche Zusammenarbeit beendet. Erst am 1. Dezember stellt sich Stan Wawrinka selbst der Presse, zuvor war gar über seinen Rücktritt spekuliert worden. Bei der Pressekonferenz redet er Klartext, nachfolgend einige Auszüge:

"Es ist klar, das waren die fünf schwierigsten Monate meiner Karriere."

Auf die Frage, ob die Pause auch etwas Positives gebracht hätte?
"Wenn ich etwas Positives nennen muss, dann dass mich die Pause dazu gezwungen hat, mich mental und körperlich zu erholen. Das hat mir Luft gegeben für die nächsten Jahre."

Was er während dieser Zeit gelernt habe?
"Ich hatte viel Zeit, um darüber nachzudenken, was passiert ist – sowohl in meiner Karriere als auch um mich herum. Ich habe Dinge über mich gelernt, aber auch über den Tennis-Zirkus und mein Umfeld.
Seit Wimbledon war ich weg, hatte zwei Operationen und ging acht Wochen an Krücken. Das war sehr hart für mich. Ich habe gemerkt, wer zu mir hält. Denn in solchen Momenten hast du nur die Nächsten um dich."

Zu Normans Rücktritt als seinem Coach:
"Das war eine Überraschung, fast ein Schock. Nicht nur die Entscheidung, sondern auch der Zeitpunkt. Wenn man so schwer verletzt ist und zurückkommen will, braucht man Menschen, die einen sehr gut kennen. Er hat sich im schlimmsten Moment meiner Karriere so entschieden, kurz bevor ich wieder mit dem Tennis begonnen hätte."

Bei den Australian Open 2018 gibt Wawrinka dann sein Comeback. Nicht überraschend, dass er von seiner Form vor der OP noch weit entfernt ist und noch grosse Defizite aufweist. Bei den nächsten Turnieren in Sofia, Rotterdam und Marseille ist die Form aber nicht ansteigend, sondern im Gegenteil. In Marseille muss er gar in Runde 1 aufgeben - wieder Probleme mit dem Knie?

Es folgt eine dreimonatige Turnierauszeit und ein kompletter Neuaufbau. Erst in dieser Woche kehrt Wawrinka auf die Tour zurück und verliert in Rom in Runde 1 gegen den Amerikaner Steve Johnson mit 4:6 und 4:6. Doch an der PK zeigt sich Wawrinka sehr zufrieden und erleichtert. Seit einigen Tagen sei er erstmals seit zwei Jahren wieder schmerzfrei, sodass er endlich wieder richtig trainieren könne. Es fehle nun einfach noch an Matchpraxis. Der Weg zurück an die Spitze sei zwar lang, doch er sei davon überzeugt:

"Wenn ich mental bereit bin, habe ich keine Zweifel, dass ich wieder auf mein bestes Niveau komme."

Allez Stan - und alles Gute für die kommenden Wochen und Monate!

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<![CDATA[Sloane Stephens im Jahre 2017 - ein Tennis-Märchen]]>Fri, 05 Jan 2018 23:00:00 GMThttp://www.tennismentaltraining.ch/blog-inside-wta-und-atp/sloane-stephens-im-jahre-2017-ein-tennis-maerchen​Die 24-jährige Amerikanerin Sloane Stephens galt bereits vor Jahren als grosses Talent und mögliche Nachfolgerin einer Serena oder Venus Williams. Grosse Fussstapfen, in welche sie da treten sollte. Nachdem sie im Jahre 2013 mit Weltranglistenposition 11 ihr höchstes Ranking erreicht hatte, ging die Leistungskurve jedoch nach unten. Der richtige Durchbruch in die Weltspitze blieb aus und es wurde ruhiger um ihre Person. 

Im Sommer 2016 verletzt sie sich am Fuss und fällt für den Rest der Saison aus. Schlimmer noch, die Verletzung wurde falsch diagnostiziert. Erst Monate später wird festgestellt, dass es sich dabei um einen Ermüdungsbruch handelt. Es folgt eine OP und die Reha-Phase. Erst im Juli 2017 in Wimbledon gibt Sloane Stephens ihr Comeback. Runde 1 bedeutet Endstation und nachdem sie auch in Washington in der Startrunde ausscheidet, figuriert Sloane nur noch auf Position 957! der Weltrangliste. Doch dann sollten sich die Dinge dramatisch ändern...
In Toronto spielt sie sich bis ins Halbfinale und schlägt auf ihrem Weg u.a. Spielerinnen wie Petra Kvitova oder Angelique Kerber. In der Woche darauf wiederholt sie diesen Coup und wird erst im Halbfinale von der Weltranglisten-Zweiten Simona Halep gestoppt. In den Interviews sagt Sloane Stephens, wie sehr sie es geniesse wieder auf dem Platz stehen zu können, nach schwierigen Monaten der Ungewissheit, sie selbst jedoch völlig überrascht sei, wie gut es ihr laufen würde.

Die Erfolge in Toronto und Cincinatti lassen zwar aufhorchen, doch vor dem Start der US Open ist Stephens eine von vielen Starterinnen und zählt wohl von Niemandem zum Kreis der Favoritinnen. Doch der Sport schreibt manchmal moderne Märchen, welche sich gut verfilmen liessen. Sloane Stephens spielt sich durch das Turnier, besticht durch ihr selbstbewusstes, ruhiges Auftreten, macht athletisch einen hervorragenden Eindruck und es unterlaufen ihr nur wenige einfache Fehler. Plötzlich steht sie im Halbfinale und trifft dort auf ihr einstiges Idol, Venus Williams. In einer hartumkämpften Partie setzt sie sich letztlich mit 7:5 im dritten Satz durch. Im Finale deklassiert sie sogar ihre gute Freundin Madison Keys und gewinnt damit sensationell ihr erstes Grand-Slam-Turnier!

Selbstbewusst, fokussiert, locker und mit Freude am Spiel - so präsentiert sich Sloane Stephens in den Tagen von New York. Im Zeitraum vom 31. Juli bis zum 11. September macht die Amerikanerin einen Sprung von Position 957 auf 17. 

Klar, wer die US Open auf eine so beeindruckende Art und Weise gewinnen kann, zählt ab sofort zum engsten Favoritenkreis. Wird Sloane Stephens ihre Form konservieren können und vielleicht gar eine neue Seriensiegerin? Einen Monat später verliert sie bei ihrem ersten Start nach dem grossen Triumph in Runde 1 gegen eine eher unbekannte Chinesin. Einfach ein schlechter Tag? Eine Woche später ein ähnliches Bild: Erneut bleibt sie in der Startrunde hängen und dies gegen eine Qualifikantin. Zudem nicht irgendwie knapp, sondern gleich mit 3:6 und 0:6. Danach spielt sie noch in China ein weiteres Turnier, wo sie ihre beiden Partien verliert und im Finale des Fed-Cups gegen Weissrussland. Auch dort verliert sie ihre beiden Einzel gegen Spielerinnen, welche im Ranking weit hinter ihr liegen. Die Bilanz nach dem Triumph-Zug in New York ist somit fast schon schockierend: 6-mal angetreten und dabei 6-mal verloren und dabei wahrlich nicht gegen die Weltelite angetreten.

Wie ist das zu erklären? Die Ursachen liegen wohl hauptsächlich auf mentaler Ebene. So unbeschwert Stephens bspw. bei den US Open auftrat, so ist die Situation plötzlich eine ganz andere. Sie steht nun im Rampenlicht, hat Medientermine zu erfüllen, von ihr werden Erfolge erwartet. Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit und wohl auch ihre eigene haben sich grundlegend geändert. Plötzlich geht es nicht mehr um die Freude am Spiel und die Wertschätzung wieder ganz gesund zu sein, sondern der Druck ist da Ergebnisse liefern zu "müssen". Dies ist eine der ganz grossen mentalen Herausforderungen für alle Topathletinnen und -athleten. Sich von der Erwartungshaltung zu befreien und sich davon nicht anstecken zu lassen. Vertrauen, aber gleichzeitig keine druckerzeugenden Erwartungen zu haben, sondern sich selbst immer wieder überraschen zu lassen...
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